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Vernant, Jean-Pierre: Mythos und Denken bei den Griechen

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Eine Analyse, wie wohl die Griechen dachten

Rezension:

Geht so etwas überhaupt: Die Psyche von Menschen zu ergründen, zu beschreiben und zu verstehen, die vor deutlich mehr als zweitausend Jahren lebten und von denen wir kaum etwas wissen, wenn man von wenigen Texten absieht, von Mythen und Gedichten? Daran hat sich Jean-Pierre Vernant (1914 – 2007) versucht, ein prominenter französischer Altphilologe, Kulturhistoriker und Anthropologe. Seine Überlegungen zu einer „inneren Geschichte des griechischen Menschen, seiner geistigen Organisation“ sind jetzt ein erstes Mal in deutscher Übersetzung erschienen.

Das Buch gliedert sich in sieben Teile, deren Gemeinsames im Ausgang von einer subtilen Interpretation der griechischen Mythen besteht. Wichtigste Quelle dieses Buches ist das Werk des um 700 vor der Zeitrechnung geborenen Hesiod, so wie überhaupt die Zeit vor der griechischen Klassik im Mittelpunkt der Darstellung steht. An seiner Hesiod-Interpretation demonstriert Vernant im Eingang dieses Bandes, wie er die strukturalistische Methode von Claude Lévi-Strauss auf sein Arbeitsgebiet überträgt. Dabei zielen seine Studien nicht auf bloße Gelehrsamkeit, sondern auf anthropologische Einsichten.
Im zweiten Teil, in dem er „mythische Aspekte von Gedächtnis und Zeit“ diskutiert, wird das besonders deutlich. Vernant erläutert Mnemosyne (Erinnerung) und unterscheidet sie von Mneme (Gedächtnis) und Anamnesis (Wiedererinnerung), einem Begriff, der besonders für die platonische Philosophie wichtig ist. Aber Vernant geht von älteren als den platonischen Texten aus und beschreibt zusätzlich die kultische Praxis der Orakelstätten, die sich teils aus alten Mythen, teils aus Inschriften oder viel jüngeren Berichten ergibt. Deren Darstellung und Deutung lässt auf das Verständnis der historischen Zeit einerseits, der kosmischen Abläufe andererseits schließen, das die Menschen jener Zeit besaßen, und eben darum geht es dem Autor. So, auf vielen komplizierten Umwegen, können wir vielleicht wirklich Einblick in die Seele eines untergegangenen Menschentums bekommen.

Ähnliches geschieht im vierten Teil, in dem es um „Arbeit und technisches Denken“ geht und in dem Vernant die griechische Klassifikation menschlicher Tätigkeiten und die Verachtung des Handwerkers an einer ganzen Reihe von Texten vorführt. Es geht nicht einfach darum, dass der Handwerker wenig oder überhaupt nicht angesehen war (das ist seit langem bekannt), sondern um die Gründe dafür. Auch hier ließ sich eine genaue Analyse der Wortbedeutungen durch den Gelehrten nicht umgehen.
Andere Themen sind das Verhältnis von Mythos und Philosophie und das erste Auftauchen des menschlichen Bildes. Das hört sich vielleicht trocken an, aber es sind die ruhige Sprache und die sehr strukturierte Darstellung eines ebenso gelehrten wie klaren Kopfes, die das Interesses des Lesers immer wach halten. Die ruhige und gepflegte Prosa dieses Buches liest sich jederzeit angenehm.

Worin die strukturalistische Methode besteht, wird vor allem im dritten Teil deutlich, der „Die Organisation des Raumes“ überschrieben ist. Es geht dem Autor hier darum, die Verhältnisse, die im Mythos oder in einem Text geschildert werden, in den sozialen Gegebenheiten wiederzufinden, unter anderem in den Heiratspraktiken und den der Geburt folgenden Riten. Zusätzlich erfolgen genaue Analysen der einzelnen Wortbedeutungen und ihres Wandels. Wie zuvor Claude Leví-Strauss, so beachtet Vernant besonders die Verwandtschaftsstrukturen. Besonders überzeugend wird das vom Autor in dem Aufsatz demonstriert, der die Göttin des Herdfeuers, Hestia, untersucht, den Zusammenhang mit der angenommenen Jungfräulichkeit ihrer Priesterinnen darstellt und schließlich auch ein Licht auf die „Eumeniden“ des Aischylos wirft.
Vernants Interpretation dieser Texte hilft uns, die von den Griechen angenommen Rolle der Frau zu verstehen: „Es ist dieser selbe Traum, der sich bei den Ärzten und Philosophen als wissenschaftliche Theorie verkleidet, wenn sie wie etwa wie Aristoteles behaupten, da? bei der Zeugung das Weibchen keinen Samen ausstößt, daß dessen Rolle völlig passiv ist (…). Es ist immer noch dieser selbe Traum, der in den Königsmythen durchscheint, die das neugeborene Kind mit einem Holzscheit des väterlichen Herdes identifizieren.“ Und so weiter. Vernant ist unglaublich belesen und kann die verschiedensten Gebiete zusammenführen, so dass es ihm tatsächlich gelingt, den Geist einer ganzen, für uns längst unter den Horizont gesunkenen Epoche zu beschreiben. Das bewährt sich besonders in der Darstellung der Raumfahrung, in der Vernant eine Polarität findet, die sich sowohl in der Kosmologie als auch in der politischen Philosophie ausdrückt. Es handelt sich dabei um ein Widerspiel von Zentripetal- und Zentrifugalkraft, das sich im Gegen- und Miteinander von Hestia und Hermes, der unbeweglich im Zentrum stehenden Göttin des Herdfeuers und des ruhelos umher irrenden Gottes der Diebe und Boten ausdrückt. Eine ähnliche Polorität findet der Autor später in Prometheus, denn auch dieser Gott „ist ein zweifacher: Wohltäter und Übeltäter“, ähnlich wie Pandora, die als seine Gegenspielerin eine entsprechende „Doppelfigur“ ist. Dieses Widerspiel, das die gesamte Raumerfahrung des griechischen Menschen und damit seine Weltsicht prägt, sucht Vernant in der Mythologie wie in der Philosophie und natürlich auch in dem bewohnten und belebten Raum auf, denn er geht von der Voraussetzung aus, dass „der Philosoph die Augen auf die Stadt gerichtet hielt, wenn er sich die Ordnung des Kosmos vorstellte.“ Im Mittelpunkt einer griechischen Stadt lag aber die agorá (der Hauptplatz) als der Mittelpunkt: „Einerseits steht er, als Mittelpunkt, in Opposition zu dem ganzen übrigen städtischen Raum; andererseits ordnet er diesen Raum um sich herum, so daß jede besondere Position von ihm aus definiert und auf ihn bezogen ist.“

Das alte Griechenland gilt als Europas Ursprung, und unter diesem Gesichtspunkt verdienen die Aufsätze des fünften Teils besondere Beachtung, in dem die Entwicklung und Bedeutung der Menschendarstellung in Statuen behandelt wird. In diesen beiden Studien wird deutlich, wie archaisch und für uns ganz und gar unverständlich die Griechen dachten. Sie waren in Denkstrukturen gefangen, die uns geradezu steinzeitlich erscheinen und es vielleicht ja auch wirklich waren und auf jeden Fall – in den Worten Vernants – „eine verschiedene geistige Organisation“ voraussetzen. Diese beschrieben und zumindest zu einem Teil erklärt und gedeutet zu haben, ist kein kleines Verdienst.

Im letzten Abschnitt des Buches erzählt Vernant die Entstehungsgeschichte der Philosophie und zeigt, wie der Philosoph aus dem „Seher“ entstanden ist, einer Art Prophet. Ebenso wichtig ist sein Hinweis auf die gleichzeitige Entstehung des Bürgers, denn diese Parallelität zeigt uns die Bedeutung der öffentlichen Rede für den einen wie den anderen Bereich. „Tatsächlich verwirklicht die pólis auf der Ebene der sozialen Formen jene Trennung von Natur und Gesellschaft, die die Ausübung eines rationalen Denkens auf der Ebene der mentalen Formen voraussetzt. Mit der pólis hat sich die politische Ordnung von der kosmischen Organisation gelöst“.

Das in ein schönes Deutsch übersetzte Buch des französischen Gelehrten kann man unbedingt zur Lektüre empfehlen.

Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Seit seinem Erscheinen gilt Jean-Pierre Vernants Mythos und Denken bei den Griechen als Klassiker der Anthropologie und zugleich als Musterbeispiel für die Anwendung der strukturalen Analyse auf die griechische Antike. Die Studien, die in diesem Buch zusammengestellt sind, eröffneten ganz neue Perspektiven auf die Organisation von Raum, Zeit und Erinnerung, auf die Struktur von Mythen und die Funktion von Religion. Sie umreißen das Bild des griechischen Menschen, indem sie zeigen, dass er durch seine sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen gleichermaßen hervorgebracht wird wie er diese beständig transformiert. Präzisere Einblicke in die Grundlegung der abendländischen Kultur wird man schwerlich finden. Die Planung und Gründung von Städten, die Entstehung von Recht und Gesetz, das Verhältnis von Männern und Frauen, das Erbrecht, neue Kunstformen und die Anfänge des rationalen Denkens, aus denen Mathematik und Philosophie hervorgegangen sind, all dies beschreibt Vernants Buch in einzigartiger Weise.

Als Jean-Pierre Vernant seine Essays im Jahre 1965 erstmals veröffentlichte, veränderte er grundlegend die Vorstellungen, die man sich bis dahin vom Mythos und Logos bei den Griechen gemacht hatte. Indem er Recht, Religion, Wirtschaft und Rituale in seine Überlegungen einbezog, sprengte er die Grenzen der klassischen Philologie. Mythos und Denken bei den Griechen ist dabei nicht nur ein Hauptwerk der strukturalen Analyse, sondern nach wie vor eine der besten Einführungen in das griechische Denken.

© Konstanz University Press

weitere Titel des Autors

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Format gebunden mit Schutzumschlag
Seiten 448
Jahr 2016
Verlag Konstanz University Press

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