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Bergson, Henri: Zeit und Freiheit

Artikel 1 VON 24
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Versuch über das dem Bewußtsein unmittelbar Gegebene

Rezension:

Mit „Zeit und Freiheit“ setzt der Felix Meiner-Verlag seine Bergson-Reihe im Rahmen der Philosophischen Bibliothek fort: Ein klassischer Text in einer sorgfältigen Edition zu einem vertretbaren Preis.

„Zeit und Freiheit“ ist die Dissertation Henri Bergsons (1859 – 1941), des großen französischen Lebensphilosophen, die er 1889 als dreißigjähriger Lehrer vorlegte. Im Kern enthält sie bereits die Grundelemente seiner Philosophie und stellt damit so etwas wie das Begründungsdokument der Lebensphilosophie überhaupt dar. Es ist kein ganz einfaches, aber sehr klar und stringent argumentierendes Buch über eine sehr wichtige Thematik. Die zweifellos vorhandenen Schwierigkeiten gründen nicht etwa in einem philosophiegeschichtlichen Vorwissen, das dem Leser abverlangt wird, sondern in einer akkuraten, vielschrittigen und subtilen Argumentation. So erfordert die Lektüre jederzeit Konzentration.

Die Untersuchung ist sehr alt, aber in einem gewissen Sinne aktuell ist sie trotzdem, denn wie es die Jahrzehnte am Ausgang des 19. Jahrhunderts waren, so ist auch die heutige Zeit sehr stark von einer materialistischen Argumentation bestimmt, die von Bergson grandios widerlegt wird. Seinen Untersuchungen zufolge ist es nicht möglich, das Kausalitätsverständnis, das für die unbelebte Natur gilt, einfach auf psychische Verhältnisse zu übertragen. Ersteres ist in seiner Terminologie der Raum, letzteres die Dauer, also die ungegliederte, sich jeder Messung entziehende Zeit, wie sie ein Bewusstsein erlebt. Die Dauer lässt sich nicht messen und entzieht sich damit einem Zugriff, wie ihn der deutsche Psychophysiker Gustav Theodor Fechner versucht hat: „Hat die Vielheit unserer Bewußtseinszustände die mindeste Analogie mit der Vielheit der Einheiten einer Zahl? Hat die wahre Dauer den mindesten Bezug zum Raum?“ Bergsons Antwort lautet natürlich: Nein. Mit dem Raum wird in seiner Philosophie die Materie identifiziert.

Wenn wir von Zeit sprechen, dann meinen wir damit die Veränderungen (das Nacheinander) im Raum. So bildet sich die „Mischidee einer meßbaren Zeit, die als Homogenität Raum ist und als Nacheinander Dauer“.

Es geht Henri Bergson letztlich um die Freiheit, darum, sich materialistischen Zumutungen zu entziehen und zu zeigen, dass unser Denken anderen Gesetzen unterworfen ist als die leblose Natur. „Wenn man übereinkommt, als frei jeden Akt zu bezeichnen, der aus dem Ich, und nur aus dem Ich, emaniert (= hervorgeht), dann ist der Akt, der das Signum unserer Person trägt, wahrhaft frei, da unser Ich allein Anspruch auf die Vaterschaft erheben wird. Auf diese Weise fände sich die These der Freiheit verifiziert, wenn man einwilligen würde, diese Freiheit nur in einem bestimmten Charakter der getroffenen Entscheidung zu suchen, mit einem Wort: im freien Akt.“

Dem Text der Abhandlung vorangestellt ist eine Einführung durch den französischen Philosophen Rémi Brague, einem ausgewiesenen Bergson-Kenner, und am Ende findet sich ein Nachwort der Übersetzerin Margarethe Drewsen, in dem sie sich zu ihren terminologischen Entscheidungen begründet. Aber auch schon zuvor hat sie sich immer wieder in Fußnoten zu Übersetzungsproblemen geäußert. In einem Fall – einem von Bergson etwas abgekürzt zitierten Satz John Stuart Mills – zitiert sie Mill ausführlich im englischen Original und gibt dem dankbaren Leser damit alles in die Hand, den Text richtig zu verstehen.

Eine ganz ausgezeichnete, uneingeschränkt empfehlenswerte Edition.

© Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

In seiner 1889 veröffentlichten Dissertationsschrift Essai sur les données immédiates de la conscience (deutsche Erstausgabe 1911) unternimmt Bergson den Versuch, die Problematik von Freiheit und Determinismus auf eine grundlegend neue Basis zu stellen. Dabei legt er bereits in dieser frühen Schrift den Grundstein für sein in den folgenden Werken ausgebautes komplexes Begriffsgeflecht.
Die Grundthese lautet: Das Freiheitsproblem ergibt sich aus einem Missverständnis des Zeitbegriffs, aus der Vermischung des Zeitlichen mit dem Räumlichen. Dies belegt Bergson in drei Schritten, die mit einer Analyse der Bewusstseinszustände im ersten Kapitel beginnen. Ausgehend von der Unterscheidung zwischen Reiz und Empfindung und in Auseinandersetzung mit den physikalischen und psychologischen Theorien seiner Zeit zeigt Bergson, dass zwar der Reiz, nicht aber die Empfindung einer quantitativen Messung unterworfen werden kann. Das dem Bewusstsein unmittelbar Gegebene ist also nicht quantitativ abstufbar, sondern divergiert rein qualitativ. Damit eröffnet sich ein neuer Zugang zur psycho-physischen Einheit des Ich, zugleich aber auch ein ganz neuer Begriff der Zeit. Das zweite Kapitel begründet die für Bergson grundlegende Differenzierung zwischen der messbaren Zeit und der Dauer (durée): Die messbare Zeit ist nach ihm ein »Bastardbegriff«, ein Hybridgebilde aus Dauer und Raum. Wenn Zeit analog dem Raum gedacht wird, gleichen die Bewusstseinszustände materiellen Gegenständen und lassen sich in ein kausal-deterministisches Schema pressen. Der naturwissenschaftlichen Zeitauffassung setzt Bergson die Dauer des Bewusstseins entgegen, die (so die Argumentation im dritten Kapitel) erst die Freiheit als Grund unserer psychischen Akte erschließt.
Der Band bringt die für das Verständnis von Bergsons Philosophie unverzichtbare Abhandlung in der ersten deutschen Neuübersetzung seit über 100 Jahren.

© Felix Meiner Verlag

weitere Titel des Autors

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Leseprobe
Format kartoniert
Seiten 632
Jahr 2017
Verlag Felix Meiner

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