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Frankopan, Peter: Licht aus dem Osten

Artikel 1 VON 95

Rezension:

Eine Weltgeschichte als Weltbestseller: Das ist wirklich etwas Besonderes. Peter Frankopan, einem 1971 geborenen britischen Historiker in Oxford, ist mit seinem Buch „Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt“ eben dies gelungen. Das dicke Buch war ein Bestseller in den englischsprachigen Ländern und jetzt wird die deutsche Ausgabe im deutschen Feuilleton von prominenten Historikern bejubelt.

Ist der Titel gerechtfertigt? Ist es wirklich eine Geschichte der Welt und ist sie wirklich neu? Die englische Ausgabe heißt „Silk Roads“ (im Plural!), also „Seidenstraßen“, aber das scheint kein sehr passender Name, denn wer etwas über die Seidenstraße erfahren möchte, wird von diesem Buch ebenso enttäuscht sein wie derjenige, der sich, vom deutschen Titel auf die Spur gesetzt, an fernöstlichen Weisheiten erfreuen möchte. Denn dieser Titel macht den Leser glauben, Europa habe seine Kultur aus den östlichen Ländern übernommen, aber darum geht es auch nicht einen Augenblick lang. Tatsächlich thematisiert das Buch vor allem die vielfältigen Beziehungen zwischen dem nahen Osten und Europa, und das meist oder sogar nur mit Blick auf die Ökonomie, nicht auf Kultur oder Religion. Im zweiten Teil des Buches ist die Rede vom „Handelsnetzwerk Eurasien“: darum geht es.

Seinen Anfang nimmt dieses Buch im Nahen Osten, in der Region zwischen den östlichen Mittelmeeranrainern bis hin nach Afghanistan. Das ist für den Autor der „wahre mediterrane Raum“, wörtlich verstanden als der Mittelpunkt der Erde, und dort befindet man sich im „Herzen der Welt“. In der ersten und bei weitem schwächeren Hälfte des Buches zeichnet er in großen Zügen die europäische Geschichte unter Einbeziehung des Nahen Ostens nach, also die römische Expansion, den Untergang der Antike und die Geburt des Islam, die Hunnen, die Kreuzzüge und das mongolische Weltreich, bis er irgendwann die Gegenwart erreicht. Manches, das aus unserer deutschen Sicht extrem wichtig ist – zum Beispiel die Reformation oder der 30jährige Krieg – fehlt ganz oder fast ganz. Und Spanien kommt praktisch nicht vor.

Ein früher Höhepunkt ist die Schilderung der Kreuzzüge und dessen, was sich an diese anschloss: Mongolensturm und Pest. Den Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen, den wohl nicht jeder zuvor gesehen hat, arbeitet Frankopan schön heraus. Dabei zeigt er, dass die Pest auch positive Folgen hatte, denn sie mordete nicht allein die Bevölkerung aus, sondern fegte auch Institutionen hinweg, welche die Entwicklung von Kultur und Wirtschaft eher behinderten. Aus Frankopans Sicht ist die Katastrophe der Pest einer der Gründe für den Aufstieg Europas. Mit solchen Akzenten gelingt es dem Autor vielleicht wirklich, die Geschichte Europas neu zu schreiben, aber ist es deshalb wirklich schon eine „neue Geschichte der Welt“?

Ganz einer traditionellen und tatsächlich längst überholten Geschichtsschreibung verpflichtet ist er in dem Kapitel, das die Geburt und den Aufstieg des Islam schildert. Heutige Forschung sieht das alles ganz anders: Man denkt, dass es weder die legendären Ereignisse in einer ärmlichen Oase namens Mekka noch einen gewissen Mohammed gegeben hat, so wenig wie die geradezu blitzartige Eroberung des Mittelmeerraums. Heute wird angenommen, dass der Koran aus einem „Lektionar“ entstanden ist, einem christlichen Vorlesebuch, dass er also direkt christliche Wurzeln besitzt und nicht nur irgendwie christliche Einflüsse aufweist. „Diese These hat – wie viele Behauptungen, die die islamische Überlieferung in Frage stellen oder verwerfen – traurige Berühmtheit erlangt, obwohl sie von heutigen Historikern kaum geteilt wird.“ So Frankopans Kommentar; in Wahrheit ist es umgekehrt so, dass die Legende der Islamentstehung heute auf breite Ablehnung stößt, die von Frankopan abgelehnte These dagegen sich mehr und mehr durchsetzt. Die beiden betreffenden Kapitel sind ein ganz schwacher Punkt dieses Buches.

Je näher das Buch der Gegenwart kommt, desto spannender und interessanter wird es. Von 1500 an ist es großartig. Und immer stehen Wirtschaft und Handel im Zentrum des Interesses. Als gebranntes Kind unserer Zeit versäumt es der Autor dabei selten, auf die Geld- und Warenspekulationen einzugehen, mit denen man enorm viel Geld verdienen, aber auch ganze Nationen zu Fall bringen konnte. Die holländische Spekulation mit Tulpen wird dabei gar nicht erwähnt, sondern sein Beispiel, auf das er wiederholt zu sprechen kommt, ist der Handel mit edlen Pferden in Indien; ein anderes ist die britische Ostindien-Kompanie (East India Company), die „zu groß und wichtig“ war (too big to fail), um sie abstürzen zu lassen.

Aus der Sicht Frankopans wird das 19. Jahrhundert ganz und gar von England und seinem Gegensatz zu Russland bestimmt; selbst Napoleon wird eher beiläufig behandelt. Aber es scheint kein Patriotismus zu sein, der seine Sicht bestimmt, denn die britische Skrupellosigkeit bei Aufbau, Verwaltung und Plünderung des Commonwealth wird von ihm sehr kritisch dargestellt. Es ist gut, den Einfluss Englands in den Ländern zwischen dem Nahen Osten, Afghanistan und Indien im Überblick geschildert zu bekommen, denn man kann sehr schön sehen, worin ein großer Teil der heutigen Probleme seinen Ursprung besitzt. Und je näher er unserer eigenen Zeit kommt, desto deutlicher wird es, dass es die europäischen Länder neben Russland und den USA waren, die mit ihrer menschenverachtenden Politik und mit ihrer Aufteilung der ganzen Region nach Interessensphären die Gründe für die heute nicht mehr einzudämmende Gewalt erst schufen. Mit Kritik an seiner Heimat spart Frankopan nicht, wenn er das Verhältnis zu Persien (Iran) und der Türkei bespricht und besonders, wenn er die Gründung des irakischen Staates („ein klappriges Konstrukt“) schildert, der aus drei kaum zu vereinigenden, weil kulturell und religiös sehr verschiedenen Teilen zusammengesetzt wurde: Das ist der Grund für die schreckliche Gewalt in diesem Land.

Auch andere Länder als England bekommen ihr Fett weg – im Zusammenhang mit Afghanistan und dem Irak besonders noch Russland und dazu die USA mit ihren „plumpen Interventionen“ –, und selbstverständlich werden auch die korrupten Eliten der arabischen Länder scharf kritisiert. Einen wesentlichen Anteil an der Zerstörung einer einst reichen Kultur trägt eben die „freie Welt“ mit ihrer Gier nach Erdöl. Dass Frankopan nur in Anführungszeichen von der „freien Welt“ spricht, sagt viel über seine Bewertung von deren Politik.

Das Buch ist insgesamt sehr stark – und vielleicht zu sehr – auf die Ökonomie fixiert; kulturelle, wissenschaftliche oder religiöse Aspekte spielen eine ganz untergeordnete Rolle, insbesondere in seinem Resümé, in dem er Europa herunter-, China und das östliche Asien hinaufschreibt. Er begründet das ausschließlich mit der Existenz von Bodenschätzen, und andere Fragen wie etwa die nach dem Bildungsstand der Bevölkerung oder rechtsstaatlichen Strukturen werden überhaupt nicht berührt.

Auf fast 750 Seiten Text erzählt Peter Frankopan fast dreitausend Jahre Geschichte. Allein das Literaturverzeichnis umfasst stolze 70 Seiten. Einen so gewaltigen Stoff muss man erst einmal beherrschen und organisieren, und dass er die großen Linien herauspräpariert hat, dass er Tendenzen zu schildern und eine gewisse Logik und Abfolge in ein buntes Geschehen zu bringen wusste, muss man dem Autor unbedingt zugestehen. Vieles hat man schon woanders gelesen, aber hier wird der verhängnisvolle europäische Imperialismus ganz systematisch und im Zusammenhang dargestellt. Die Lektüre ist tief deprimierend, denn sie macht es wahrscheinlich, dass in nächster Zukunft kaum an eine Befriedung dieser Gebiete gedacht werden kann.

© Stefan Diebitz

Verlagsinformationen:

Peter Frankopan lehrt uns, die Geschichte neu zu sehen – indem er nicht Europa, sondern den Nahen und Mittleren Osten zum Ausgangspunkt macht. Hier entstanden die ersten Hochkulturen und alle drei monotheistischen Weltreligionen; ein Reichtum an Gütern, Kultur und Wissen, der das Alte Europa seit jeher sehnsüchtig nach Osten blicken ließ. Frankopan erzählt von Alexander dem Großen, der Babylon zur Hauptstadt seines neuen Weltreichs machen wollte; von Seide, Porzellan und Techniken wie der Papierherstellung, die über die Handelswege der Region Verbreitung fanden; vom Sklavenhandel mit der islamischen Welt, der Venedig im Mittelalter zum Aufstieg verhalf; von islamischen Gelehrten, die das antike Kulturerbe pflegten, lange bevor Europa die Renaissance erlebte; von der Erschließung der Rohstoffe im 19. Jahrhundert bis hin zum Nahostkonflikt. Schließlich erklärt Frankopan, warum sich die Weltpolitik noch heute in Staaten wie Syrien, Afghanistan und Irak entscheidet.

Peter Frankopan schlägt einen weiten Bogen, und das nicht nur zeitlich: Er rückt zwei Welten zusammen, Orient und Okzident, die historisch viel enger miteinander verbunden sind, als wir glauben. Ein so fundiertes wie packend erzähltes Geschichtswerk, das wahrhaft die Augen öffnet.

© Rowohlt Verlag

weitere Titel des Autors

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Format gebunden
Seiten 994
Jahr 2016
Verlag Rowohlt Verlag

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